Es gibt Momente, in denen ich innerlich sehr klar bin: klar darin, dass ich menschenfeindlichen Positionen widersprechen möchte, klar darin, dass ich nicht schweigen will, wenn Würde, Sicherheit und Zugehörigkeit von Menschen infrage gestellt werden, und klar darin, dass Demokratie, Vielfalt und Mitgefühl für mich keine netten Zusatzwerte sind, sondern Grundlagen eines Zusammenlebens, in dem Menschen atmen können.
Und zugleich gibt es Momente, in denen mein Herz leise wird: wenn ich „Fuck AfD“ lese, wenn ich „Kein Bock auf Nazis“ sehe, wenn Petitionen nicht nur politische Entscheidungen kritisieren, sondern Politiker*innen persönlich angreifen, und wenn aus berechtigter Empörung eine Sprache wird, die trennt, beschämt, abwertet oder ausschließt.
Dann spüre ich Traurigkeit, Schmerz und auch Widerstand. Nicht, weil ich die dahinterliegenden Anliegen nicht verstehe, im Gegenteil: Häufig kann ich viele Inhalte nachvollziehen, viele Sorgen teilen und die dahinterliegenden Anliegen sehr gut verstehen. Ich teile die Angst vor autoritären Entwicklungen, den Schmerz über Rassismus, Menschenfeindlichkeit, soziale Kälte und politische Verrohung sowie das Bedürfnis nach Schutz, Gerechtigkeit, Menschenwürde und klarer demokratischer Haltung. Und trotzdem merke ich: Diesem Weg kann und möchte ich mich nicht anschließen.
Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation ist es für mich ein bedeutsamer Unterschied, ob ich mich klar gegen Handlungen, Strukturen und politische Inhalte positioniere oder ob ich Menschen auf ihre Positionen reduziere und sie aus dem Kreis derer ausschließe, mit denen Verbindung überhaupt noch denkbar scheint. GFK bedeutet für mich nicht, weichgespült zu sprechen, alles stehen zu lassen oder in falscher Harmonie zu lächeln, während Grenzen überschritten werden. GFK bedeutet für mich vielmehr, die Würde aller im Blick zu behalten, auch dann, wenn ich entschieden Nein sage. Ein Nein kann klar, kraftvoll und unmissverständlich sein und dennoch ohne Entmenschlichung auskommen.
Vielleicht ist genau das die schwierige Übung unserer Zeit: Grenzen zu setzen, ohne innerlich Mauern zu bauen, Widerstand zu leisten, ohne selbst in die Logik von Feindbildern einzusteigen, und für Menschenwürde einzutreten, ohne anderen Menschen ihre Würde abzusprechen. Im Buddhismus begegnet mir immer wieder die Erinnerung, dass Hass nicht durch Hass endet — nicht als moralischer Satz und nicht als hübscher Kalenderspruch, sondern als zutiefst unbequeme Praxis.
Denn wenn ich wirklich hinschaue, beginnt Ausgrenzung selten erst dort, wo „die anderen“ sie betreiben. Sie beginnt auch in mir, in dem Moment, in dem ich jemanden nur noch als Problem sehe, als Gefahr, als Gegner*in oder als Teil einer Gruppe, über die ich innerlich längst entschieden habe. Das heißt nicht, dass ich alle Positionen für unser Zusammenleben in der Gesellschaft gleich dienlich halte, dass jede Handlung akzeptabel ist oder dass ich mit allem in Dialog gehen muss, jederzeit, überall und um jeden Preis. Aber es heißt für mich, wach zu bleiben für die Qualität meiner eigenen Energie.
Aus karmischer Perspektive ist nicht nur entscheidend, was ich tue, sondern auch, aus welcher inneren Haltung heraus ich handle. Welche Samen lege ich in die Welt, wenn ich für Frieden kämpfe, aber dabei Verachtung nähre? Welche Spuren hinterlasse ich, wenn ich Zugehörigkeit fordere, aber andere aus meinem inneren Kreis der Menschlichkeit ausschließe? Was wächst aus einer Sprache, die zwar „das Richtige“ will, aber mit Mitteln arbeitet, die Trennung vertiefen?
Ich glaube, dass Menschen, die solche Parolen verwenden, ihren Schmerz ausdrücken, Ohnmacht, Wut, Angst oder Erschöpfung. Vielleicht ist da ein verzweifelter Versuch, endlich deutlich zu sein, endlich nicht mehr zu schweigen und endlich sichtbar zu machen: Hier ist eine Grenze. Das kann ich würdigen, und zugleich möchte ich meinen eigenen inneren Kompass ernst nehmen.
In mir gibt es ein tiefes Bedürfnis nach Klarheit und ebenso ein tiefes Bedürfnis nach Mitgefühl, nach einer politischen und spirituellen Praxis, die beides nicht gegeneinander ausspielt. Ich möchte nicht wählen müssen zwischen Haltung und Herz, zwischen Schutz und Verbindung, zwischen Widerstand und Menschlichkeit.
Vielleicht ist es eine der größten Herausforderungen für Menschen mit GFK-Erfahrung und buddhistischer Praxis, sich nicht in spirituelle Ausweichbewegungen zu flüchten, während reale Gewalt geschieht. Ebenso wenig möchte ich Dialog als Ausrede benutzen, um keine Grenze zu setzen, und ebenso wenig möchte ich vergessen, dass jede Form von Abwertung wieder neue Gewalt gebiert — subtil oder offen, innerlich oder äußerlich.
Für mich entsteht daraus eine Frage, die mich begleitet: Wie kann ich so klar Nein sagen, dass mein Nein dem Leben dient? Wie kann ich mich gegen menschenfeindliche Politik stellen, ohne selbst Menschenfeindlichkeit in mein Herz einzuladen? Wie kann ich schützen, was mir heilig ist, ohne mein Gegenüber aus der Menschlichkeit zu entlassen?
Vielleicht beginnt es mit einer bewussten Entscheidung in mir: mit den Gedanken, denen ich Raum gebe, mit der inneren Haltung, die ich nähre, und mit der Frage, welche Energie durch mich in die Welt wirken soll. Sichtbar wird diese Entscheidung im Außen — in meiner Sprache, in meinen Handlungen, in der Art, wie ich widerspreche, Grenzen setze und zugleich dem Leben verbunden bleiben möchte.
Ich möchte sagen können: Ich widerspreche dieser Politik entschieden. Ich stelle mich schützend vor Menschen, deren Würde bedroht wird. Ich unterstütze keine Sprache, die abwertet, ausgrenzt oder entmenschlicht. Ich bleibe verbunden mit meinem Schmerz, statt ihn in Hass zu verwandeln. Ich wähle Klarheit und übe Mitgefühl — nicht perfekt, nicht immer und nicht ohne innere Kämpfe, aber immer wieder neu.
Denn vielleicht zeigt sich unsere Praxis nicht dann, wenn wir mit Menschen verbunden sind, die unsere Werte teilen. Vielleicht zeigt sie sich dort, wo es eng wird, wo Angst und Wut verständlich sind, wo der Impuls zur Abgrenzung stark ist und wo wir versucht sind, die Welt in „wir“ und „die“ zu sortieren. Und vielleicht ist genau dort die leise, radikale Frage: Kann ich mich dem entgegenstellen, was Leben verletzt, ohne selbst die Verbindung zum Leben zu verlieren?
Für mich ist das kein einfacher Weg, aber es ist der Weg, dem ich folgen möchte.
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